12. Juni 2011
In der Morgendämmerung ist die Luft kühl und sauber. Ich schaue auf die erwachende Stadt, die Gebäude aus dem neunzehnten Jahrhundert sind in grauem Licht gebadet, während der Ober eine Tasse Café crème vor mich stellt. Der Kaffee schmeckt wie immer, genau wie beim ersten Mal. Auf der anderen Seite des Platzes schüttet der Besitzer einer Patisserie einen Eimer Seifenwasser auf den Bürgersteig. Hoch oben vom Balkon betrachtet eine orangefarbene Katze das Geschehen, als ob sie für ein Foto von Doisneau posiere, und wendet dann ihre Aufmerksamkeit einigen Tauben zu, die um die Schornsteine des Hauses flattern. Ich trinke den nächsten Schluck.
Ein Freund hat mich gebeten, einen Artikel über die bedingungslose Liebe zu schreiben. Ich stelle die Tasse hin. Ich habe schon einmal an diesem Tisch gesessen, vor vielen Jahren. Sie saß auf dem geflochtenen Stuhl neben mir. Ich kann ihre Augen vor mir sehen, die voll sehnsüchtiger Hoffnung auf das Croissant gerichtet waren und beobachteten, ob es sich vom Teller wegbewegen würde. Ich glaube, Paris wird mich immer an Lauren erinnern. Ich habe oft gesagt, dass meine glücklichsten Augenblicke die waren, wenn sie an meiner Seite war, und viele davon erlebten wir in Restaurants. Irgendwann habe ich versucht, mich an die Anzahl und die Namen aller Restaurants zu erinnern, in denen wir gemeinsam gespeist hatten, manchmal mit meinen Freunden, aber meistens waren es nur wir beide: Hund und Mensch. Bei vierundachtzig habe ich aufgegeben. Ich weiß, es waren mehr, aber ich habe sie vergessen. Ich erinnere mich an die ersten Lokale, die wir besuchten, an Geburtstagsfeiern sowie an die bekannten Restaurants Taillevent und Robuchon und an all die, in denen wir regelmäßig aßen und wo sie geliebt wurde. Die besten Erinnerungen? Es war immer anders und doch wieder auf wundervolle Weise gleich.
»C’est un vieux copain.« Der Ober fragte nicht, sondern er sagte es eher wehmütig, vielleicht dachte er an seinen eigenen Hund.
»Oui.« Ich verbesserte ihn nicht. Viele Leute nahmen an, Lauren sei ein Rüde. Vermutlich, weil Beagles eher eine maskuline Rasse sind, so wie Malteser oft feminin erscheinen.
»Vous avez choisi?«
»Oui, je prendrais la salade folle pour commencer, et ensuite l’andouillette.«
»Ah, l’andouillette, très bien.«
Ich bat um etwas Wasser für Lauren, obwohl ich wusste, dass sie es nicht trinken würde, bis jeder letzte Essenskrümel verschwunden war. Der Ober lächelte sie an und ging. Sie legte sich niemals hin. Sie saß immer aufrecht neben mir, auf der gepolsterten Bank oder auf ihrem eigenen Stuhl. Ich redete mit ihr und sie schaute in meine Augen, ohne ein Wort von dem anzuzweifeln, was ich sagte, während die Gäste an den Nachbartischen uns mit einer Mischung aus liebevoller Neugierde und Respekt zuschauten. Pariser sind auf unvergleichliche Weise hundefreundlich. In diesem Bereich bin ich wohl am ehesten zu einer echten Pariserin geworden. Ich habe mich immer als Pariserin gefühlt, mehr als alles andere, doch ich war niemals eine. Irgendwie beruhigte es mich, nirgendwo hinzugehören. Was hatte Gertrude Stein gesagt? »Amerika ist mein Land, aber Paris ist meine Heimatstadt.« Oder so ähnlich.
Für eine mir lang erscheinende Zeitspanne – im Vergleich zu den Zeitabläufen der Geschichte war sie aber eher kurz – waren Lauren und ich in Paris zu Hause. Meine besten Gespräche führte ich mit Lauren. Ihre aufmerksamen und seelenvollen Augen regten mich zum Denken und Philosophieren an, so wie ich es nie mit meinen Freunden erlebte. Ging ich deshalb so gerne mit ihr essen, weil ich über alles sprechen konnte, was ich wollte, und sie mir immer zuhörte, ja, mich sogar unterhaltsam fand? Lieben wir unsere Tiere, weil sie sich nicht beschweren, uns nicht kritisieren und uns immer so akzeptieren, wie wir sind, trotz unserer Fehler? Ganz sicher, ja. Aber mit ihnen erleben wir auch die aufrechtesten Beziehungen, zu denen wir Menschen fähig sind. Die Kirche hat sich seit Jahrhunderten mit der Frage beschäftigt, ob Tiere eine Seele haben oder nicht. Für einen Tierliebhaber steht das außer Frage. Schauen Sie sich das Tier an, das Sie lieben. Jedes Mal, wenn ich in Laurens braune Augen schaute, sah ich mehr Seele als in vielen Menschen.
Das Essen kam und obwohl sie völlig vom Essen besessen war – als ich sie fand, war sie fast verhungert –, saß sie geduldig neben mir und wartete auf ihren Anteil. Die Liebe, die ich für sie fühlte, und der Respekt wuchsen im Laufe unseres Zusammenlebens. Oft erschien der Koch selbst, um sie zu begrüßen. Im La Coupole, dem ersten Restaurant, in dem Lauren je speiste, feierte einmal Jeanne Moreau ihren Geburtstag mit einer Gruppe von Filmstars. Der Koch aber ging nicht als Erstes zu Mme. Moreau, sondern zu Lauren. Er nannte sie sage. Das was nur eine von vielen Situationen, in denen mein Hund so beschrieben wurde. Das französische Wort sage bedeutet weit mehr als klug. Es schließt gut erzogen, tugendhaft, sensibel, vernünftig, weise, gut und vor allem sanft mit ein. Lauren wurde zu einer vollendeten Verkörperung dieses Wortes. (Auszug aus dem Vorwort)
Kay Pfaltz, die Verfasserin des Buches, aufgewachsen in Charlottesville, Virginia, USA, lebte und arbeitete vierzehn Jahre in Paris. Im Auftrag einer amerikanischen Zeitschrift schrieb sie Artikel über Restaurants, Kunstausstellungen, Filme und was sonst noch wichtig war in der französischen Hauptstadt. Zusammen mit ihrem Hund Lauren entdeckte sie ihre Lieblingsstadt völlig neu. Der Hund an ihrer Seite veränderte ihren Blickwinkel und schließlich ihr ganzes Leben auf eine wundersame Weise. Es gelingt der Autorin, die Leser an all ihren Unternehmungen teilhaben zu lassen, als wären sie selbst mit von der Partie. Auf diese Weise entsteht ein etwas anderer Eindruck von Paris, der nicht nur die Sehenswürdigkeiten beschreibt, sondern vor allem das Lebensgefühl dieser Stadt einfängt.
Kay Pfaltz: Lauren – Ein amerikanischer Hund in Paris
Mariposa Verlag Berlin
Fazit: Das Buch ist viel mehr als eine Hundegeschichte. Und schon gar nicht ist es traurig, auch wenn einem an manchen Stellen schon mal die Tränen kommen können. Es ist ein Lobgesang auf das Leben und zeigt, welche Rolle ein Hund spielen kann, wenn es um Liebe, Zuversicht und Lebensfreude geht. Und es ist ein kurzweiliger und faszinierender Reiseführer durch die französische Hauptstadt.
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Schlagworte: Frankreich, Paris, Reisebericht, Urlaub Veröffentlicht in Hund in Frankreich | Keine Kommentare »
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